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Franz L. Neumann – Vom Reformismus zur Resignation?

Ort: Online
Veranstalter: Marxismus basics

In der aktuellen politischen Diskussion und jüngsten Publikationen zu Faschisierung und Faschismus angesichts von radikalisiertem Konservatismus und einer rechtspopulistischen bis rechtsradikalen AfD werden des öfteren wieder ältere Erklärungsansätze reaktualisiert wie bspw. die frühen Studien des Horkheimer-Instituts zu Autoritarismus, Antisemitismus oder faschistischer Propaganda. Dabei fällt auf, dass sich auf einen Forscher und politischen Theoretiker, der eher zum äußeren Kreis der Horkheimer-Gruppe gehörte, so gut wie nicht bezogen wird – Franz Neumann (1900-1954), von 1936 bis 1942 am Horkheimer-Institut in New York, und seine 1942/1944 im Rahmen einer Anstellung beim Office of Strategic Services (OSS) in Washington verfasste und auch in USA publizierte Arbeit „Behemoth“, der ersten umfassenden empirischen Untersuchung der „Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944“, die erst 1977 auf deutsch erscheinen sollte.

In der Veranstaltung soll sich aber nicht auf dieses Buch fokussiert werden, auf das der politisch-theoretisch Beitrag Neumanns für eine sozialistische Linke oft reduziert wird. Vielmehr lässt sich anhand seiner Gesamtbiographie aus der „Katastrophenzeit“ bis in die ersten Nachkriegsjahre des Jahrhunderts der Extreme eine Problemkonstellation diskutieren, mit der wir heutigen Linken auch wieder konfrontiert sind: Wie ist ein sozialistischer Reformismus oder in den Worten Rosa Luxemburgs „revolutionäre Realpolitik“ möglich im Wissen um die Niederlagen der Arbeiterbewegung im Faschismus, der gegenwärtigen Defensivsituation der Gewerkschaften, einer Krise der SPD und fragilen Rekonstruktion einer sozialistischen LINKEN?

Neumann durchlebte die Weimarer Republik als einer der führenden linken Arbeitsrechtler, Gewerkschaftssyndikus und SPD-Mitglied, musste 1933 ins Exil nach England und USA, wo er seine Faschismus- und „Feindanalysen“ für den OSS und Anklageschriften für die Nürnberger Prozesse verfasste und wurde dann 1948/50 als „Political Scholar“ zum Professor an der New Yorker Columbia University und wirkte zu Beginn der 1950er Jahre an der Gründung der Freien Universität Berlin und deren Politikwissenschaft, dem späteren Otto-Suhr-Institut mit. 1954 erlitt er einen frühen Tod bei einem Autounfall.
Seine und anderer Selbsttäuschung als Reformstrategen am Ende der Weimarer Republik sowie anlässlich des „Behemoth“ seine Diskussion um einen möglichen „Primat der Politik“ im Kapitalismus im Vergleich zu anderen theoretischen Fassung wie Staatskapitalismus (Friedrich Pollock) oder Doppelstaat (Ernst Fraenkel) gehen dann in Neumanns Studien zu „Demokratischer und autoritärer Staat“ nach 1945 ein, auf die in den zeitdiagnostischen Diskussionen bisher kaum zurückgegriffen wurde. Mögliche weiterführende Anregungen können anhand seiner „Notizen zur Theorie der Diktatur“ geprüft werden.Lässt sich dabei mit Neumanns Begriff des Cäsarismus gegenüber dem Bonapartismusbegriff eine weitergehende Differenzieurng einholen? 

Schließlich diskutierte der Politikwissenschaftler und Jurist ihn vor dem Hintergrund seiner (selbst-)kritischen Auseinandersetzung mit dem historischen Materialismus. Denn Neumanns Auseinandersetzung mit dem Cäsarismus fand im Rahmen einer zunehmenden Skepsis gegenüber der allzu holzschnittartigen Großtheorie des Marxismus statt. Hinzu kommt, dass Neumann sich in den 1950er-Jahren der Psychoanalyse und damit der Ideologiekritik zuwandte, wie sie am Institut für Sozialforschung um Adorno und Max Horkheimer diskutiert wurde, exemplarisch in seiner Skizze zu „Angst und Politik“ (1954). Neumann beabsichtigte, das Konzept des Cäsarismus als Element einer umfassenderen Theorie der Demokratie und Diktatur auszuarbeiten, zu deren Ausführung er durch seinen frühen Unfalltod nicht mehr kam.
Neumann ordnet seine Thesen zu „Caesarimsus“ in eine Gesamtbilanz der Erfahrungen mit „politischen Systemen“ nicht nur seit der Entwicklung von „Kapitalismus und Demokratie“ ab 1789, sondern auch aus „vorbürgerlichen“ Verhältnissen ein.

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